In The Press

BNE in Die Welt - “Nicht ohne die Briten - Not without the Brits”

21 December 2011

By Michael Stürmer, Chief Correspondent, Die Welt

Seit dem Brüsseler Gipfel geht die Insel wieder auf Distanz zum Kontinent. Das ist gefährlich. Denn wenn Großbritannien draußen bleibt, gibt es kein im Weltmaßstab handlungsfähiges Europa

Brüssel vor elf Tagen: Es sollte der Krisengipfel sein, der alle Krisengipfel beendet. Stattdessen sieht es so aus, als koste der neue Euro-Rettungsversuch via Fiskal- und Stabilitätsunion einen fatalen Preis, nämlich den Verzicht auf ein im Weltmaßstab handlungsfähiges Europa. Das ist, jenseits aller drängenden Fragen der Währungsunion a conto Schieflage der Südstaaten, die tiefere Bedeutung und die Folge dessen, was in Brüssel geschah: Großbritannien allein gegen alle. Anders als versprochen, hält die britische Regierung die zugesagten 25 Milliarden Euro für die geplante Stärkung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und damit indirekt der Euro-Zone zurück. Die Insel sucht Distanz zum Kontinent. Zugleich aber warnten gestern 20 britische Topmanager unter Führung von Virgin-Gründer Richard Branson vor den Folgen, wenn das Land den Anschluss verliert.

Großbritannien ist - mit Dänemark und Irland - der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) spät beigetreten, und nicht aus jenen tief empfundenen Gründen, die im Krieg-und-Frieden-Pathos der Kontinentalen bis heute mitschwingen, wenn es gilt, Zweifel an Sinn und Richtung des Unternehmens zu überdecken. Sir Winston Churchill hatte 1946 in Zürich von den Vereinigten Staaten von Europa gesprochen - aber es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, Großbritannien samt Commonwealth und Empire könnten irgendwann dazugehören.

Doch das Empire schwand, der Commonwealth erwies sich als schwach. Was die Briten nach Churchill trieb, insulare Instinkte und imperiale Nostalgie zu überwinden, war die Logik eines Landes, das sich als "nation of shopkeepers" versteht. Leitmotiv war, zumal für die Industrie, die Freihandelszone de luxe und der einheitliche Markt. In der Sicherheits- und Außenpolitik bleibt Großbritannien "mid-atlantic" und stimmt nicht nur Spionage mit den systemführenden Amerikanern ab, sondern auch die nukleare Abschreckung.

Europa auf dem Weg zur "immer engeren Gemeinschaft"? Die hehren Worte der Präambel der Römischen Verträge nahm London hin als Zugeständnis an Sentimentalitäten und den Bedarf an ideologischer Überhöhung einer Interessenkonvergenz. Das war nicht nur Grundgefühl in Clubland, sondern auch, wie die Zurückhaltung aufeinanderfolgender Labourführer zeigte, unter britischen Industriearbeitern.

Tastende Schritte in Richtung EWG wurden Anfang der 1960er-Jahre durch das Non des Generals de Gaulle blockiert. Er hielt die Briten für Stellvertreter der Amerikaner, die Demütigungen seines Londoner Exils waren unvergessen. Das equilibristische Nachkriegsspiel mit den Deutschen fand er ohne die Briten einfacher als mit ihnen. Erst 1973 war die Zeit reif, de Gaulles Nachfolger schwächer und flexibler, die Confederation of British Industry hinreichend besorgt, sodass der konservative Ministerpräsident Ted Heath das Land, widerwillig zwar, in die EWG führen konnte. Ein nachfolgendes Referendum zeigte, dass wirtschaftliche Zweckmäßigkeit nur schwer gegen die "Little Englanders" ankam.

1990 dann die Wende der Welt: Die "Iron Lady" versuchte, das größere Deutschland zu hindern. Präsident Mitterrand wünschte dasselbe, auch er vergeblich, verlangte dann aber - nachzulesen in den Akten des Kanzleramts - die Beschleunigung der in Gang befindlichen und von Jacques Delors an der Spitze der Europäischen Kommission zielstrebig betriebenen Wirtschafts- und Währungsunion. Die Bundesbank warnte und erinnerte an die alte Krönungstheorie, wonach die gemeinsame Währung erst abschließender Akt erfolgreichen Zusammenwachsens sein könne. Die Politik entschied anders: Fortan sollte die gemeinsame Währung zusammenführen, was bis dahin nicht zusammengehörte. Vertragliche Zusicherungen - die Maastricht-Kriterien, der Wachstums- und Stabilitätspakt - und Tugendschwüre sollten verhindern, dass das Ganze zum Abenteuer würde, mit Rechnung an die Deutschen.

Die gemeinsame Währung war von ihren Urhebern, Präsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl, dazu gedacht, Europa unumkehrbar - so das kühne Wort - zu vereinen. Heute ist der Euro in Gefahr, Opfer seiner eigenen Widersprüche zu werden, dysfunktionaler Staaten und unbremsbarer Volksbeglückung demokratischer Parlamente. Auch wenn es die Krise verstärkt, ist das warnende Wort der Kanzlerin nicht falsch: Scheitert der Euro, scheitert Europa. Die Briten, City und Whitehall, schätzen den Sicherheitsabstand, den Sterling bietet. Und wollen doch dabei sein.

Die gegenwärtige Strukturkrise war der gemeinsamen Währung in die Wiege gelegt. Währungen zu fusionieren ist fast so schwierig wie Staaten zu vereinen. Die Währung ist authentischer Ausdruck dessen, was ein Volk war, ist und sein will; sie trägt Erinnerung an gute alte Zeiten und Angst vor bösen neuen Zeiten. Weil dem so ist, leidet der Euro an der Erforderlichkeit des Unmöglichen.

Es hätte bei behutsamer Vorbereitung jenes Brüsseler Gipfels nie dahin kommen dürfen, dass sich die Wege trennen und der Bruch denkbar wird. Niemand kann heute absehen, welche Dynamik in der Wendung von Brüssel, als London allein stand gegen 26 EU-Staaten, entfesselt wurde. Dass Großbritannien den einheitlichen Markt mitträgt, liegt in der Tradition der Insel, die Europa weiterhin als große Freihandelszone de luxe und System des Gleichgewichts schätzt, aber weiter reichenden Souveränitätstransfer repatriieren will. Dass aber die 26 unter sich einig wären über den Weg zur Fiskalunion, kann man bisher nicht wahrnehmen. Da warten die nächsten Blockaden.

Die Einsamkeit der Briten ist ein böses Vorzeichen für Europa. Die wirtschaftsliberalen Kräfte verlieren gegenüber den EU-Etatisten. Das verändert alle Gleichungen innerhalb der EU, verstärkt die Entwicklung zum deutsch-französischen Direktorium und schwächt den Einfluss der kleineren Mitgliedsstaaten. Deutschland wird in der Rolle der so unersetzlichen wie unwilligen Hegemonialmacht überfordert. Die finanziellen Grundlagen wanken, und die EU verliert jenen politischen Zusammenhalt, der doch von Anfang an das europäische Projekt bedingte und beseelte.

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